Sein Erfolgsrezept: Kein Geschäftsmodell

Craig Newmark steht für eine der grossen Erfolgsgeschichten im Internet. Doch fast niemand kennt ihn. Das ist ihm recht so.

(von Walter Niederberger, New York)

Wenn Craig Newmark Kasse machen wollte, er wäre mit einem Schlag hundert­facher Millionär, vielleicht gar Milliardär. Doch er ist nicht interessiert: «Ich habe genug Geld gemacht, um so zu leben, wie ich will. Jetzt befasse ich mich lieber mit der Zukunft.» Auf seiner Visitenkarte steht «Kunden­dienstvertreter und Gründer». Das ist leicht untertrieben. Newmark ist eine der wichtigsten Figuren des Internets. Seine Anzeigenseite Craigslist.org ist mit Ab­stand die grösste weltweit und bringt man­che Zeitungsverleger ins Schwitzen. Trotzdem glaubt er selbst nicht, dass das Internet den Untergang der Zeitungen be­deutet. Vielmehr ist er der Meinung, dass sie an ihrer Misere selbst schuld sind: «Wenn die Verleger die Redaktionsbud­gets immer mehr kürzen, wird das Loch, das sich die Zeitungen selber graben, noch tiefer.» Craigslist ist eine Mischung zwischen Kleinanzeigen, Stelleninseraten, Woh­nungsmarkt und Kontaktanzeigen, ange­reichert mit etwas Klatsch, Tratsch und Gratistipps. Der Erfolg der Seite mutet un­glaublich an: Pro Monat werden mehr als 17 Millionen neue Anzeigen geschaltet. Mehr als 20 Millionen Besucher zählt sie. Mit sieben Milliarden Klicks pro Monat ist die Craigslist allen vergleichbaren Seiten weit voraus. Inzwischen werden 450 Städte in 50 Ländern bedient, darunter Zü­rich und Genf.

Investoren drängen zum Verkauf

Newmark dachte ursprünglich daran, nur für seinen Bekanntenkreis in San Fran­cisco einen elektronischen Veranstal­tungskalender zu publizieren. Der Erfolg war aber so gross, dass er seinen Job als Softwareentwickler aufgab und sich voll der Seite widmete. Dies bereits seit 12 Jah­ren, und ohne den schlichten Auftritt des Portals zu verändern. Und noch wichtiger: ohne den Anfragen vermögender Investo­ren nachzugeben, die Newmark drängen zu verkaufen.
Niemand weiss, wie viel Craigslist wert ist. Nimmt man aber andere Online-Ge­meinschaftsseiten wie Youtube oder My­space zum Massstab, könnte Newmark problemlos mehrere 100 Millionen Dollar lösen, wahrscheinlich sogar über eine Milliarde. Das Online-Auktionshaus Ebay ist zwar mit 25 Prozent an der Anzeigen­seite beteiligt, ohne jedoch Einfluss zu nehmen. Newmark ist das sehr recht, wie er im Gespräch ausführt. «Wir sind wie eine Genossenschaft, die auf dem gegen­seitigen Vertrauen aller aufbaut.» Würde die Seite Gewinn bringend gestaltet und Werbung zugelassen, fiele ihre Anzie­hungskraft dahin. «Unser Geschäftsmo­dell ist einfach», sagt er, «wir haben kei­nes. »
(…) Der 55-Jährige ist einer der erfolgreichsten Unternehmer des Internets, der wie die Gründer von Ebay oder Amazon die richtige Nische entdeckt hat und ihr treu bleibt. Alle drei Firmen hatten den Vorteil, die ersten in ih­rem Markt zu sein, sie legen alle höchsten Wert auf Kundenbeziehungen, und sie weigern sich, in Geschäftsfelder vorzu­stossen, von denen sie nichts verstehen.

Keine Schulden, kein Risikokapital

Howard Rheingold, Verfasser des In­ternetbuches «The Virtual Community», sieht in der Craigslist das beste Beispiel einer Internetfirma, die genau deswegen erfolgreich ist, weil sie sich nie verschul­dete und kein Risikokapital zuliess. Das werde auch so bleiben, versichert Newmark. Er will zwar keine Umsatz­oder Gewinnzahlen bekannt geben, doch schätzen Fachleute den Jahresumsatz auf 25 bis 30 Millionen Dollar, also auf über eine Million pro Angestellten. Erzielt wird er mit minimalen Gebühren, näm­lich 25 Dollar für Stellenanzeigen in 7 Grossstädten der USA sowie einer Kom­mission von 10 Dollar für Wohnungsinse­rate in New York, um unerwünschte Kö­deranzeigen fernzuhalten.
Wenn er sich nicht um seine Firma kümmert, also fast nie, liebt es der Jungge­selle bescheiden. «Fernsehen und Nicker­chen machen, das fasst meine Freizeit gut zusammen. Ach ja, eine Freundin hat er in­zwischen auch gefunden. Nicht bei der Craigslist, sondern wie in den alten Zeiten im Kaffeehaus um die Ecke.

(Quelle: Tages Anzeiger vom 12. Juni 2007)

One Response to Sein Erfolgsrezept: Kein Geschäftsmodell

  1. Einfach nur bewundernswert!!

    Alexander Stritt

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