Interessanter Artikel im Tagi von heute: “Japans zweite Internetwelle”

Onlinewerber, Blogentwickler und Kontakt wieder da, fünf Jahre nach dem Dotcom-Absturz erlebt die Branche eine Renaissance.

«Soll ich meinen Mann verlassen?», lautete die Frage im Forum der Kontakts zum dritten Mal fremdgegangen. Stunden später findet sich in Mixi über ein Dutzend Antworten: Die Mehrheit findet, sie solle ihm nochmals verzeihen.

Socialnetworking-Seiten sind in Japan oft der einzige Ort, wo Ehe- und Berufs­probleme ohne Gesichtsverlust diskutiert werden können. Mixi ist nicht nur Japans grösster virtueller Kummerkasten, son­dern auch der jüngste Internetstar an der Börse. Als Mixi im September am Tokioter Hochtechnologiemarkt platziert wurde, schoss der Kurs am ersten Handelstag von umgerechnet 15 800 auf 33 200 Franken. Der Markt bewertete die Socialnetwor­king- Seite mit dem 200fachen des Buch­werts und machte den 31-jährigen Firmen­gründer Kenji Kasahara – auf dem Papier – zum vielfachen Dollarmillionär.

Intimsphäre mit Millionenpublikum

Ähnlich wie die weltgrösste Socialnet­working- Mixi Leute mit gleichen Hobbys zusammen, bietet Fo­ren für Eheprobleme oder erlaubt diskre­tes Anbändeln. Die Seite hat in Japan einen Riesenerfolg. 5,2 Millionen Personen log­gen sich bei Mixi ein, und obwohl Neuzu­gänger von bisherigen Abonnenten per­sönlich eingeladen werden müssen, hat sich die Zahl der Mitglieder in drei Mona­ten um eine Million erhöht. Die Mitglied­schaft ist kostenlos; das 2004 gegründete Unternehmen finanziert sich zu 80 Pro­zent über Werbung. Fünf Jahre nach dem Platzen der Dot­com- Blase rollt in Japan eine zweite Inter­netwelle an. In Tokios hippem Shibuya­ Quartier schlägt eine neue Webgeneration ihre Zelte auf. Den Schritt an die Börse machten in den vergangenen Monaten die Blogentwickler Drecom und der Online­werber Adways.

Nach dem Schiffbruch wieder flott

Wieder im Geschäft sind auch Leute, die mit ihrem ersten Internetabenteuer Schiff­bruch erlitten hatten. Isamu Kaneko, der Erfinder des Song- und Fernsehshow­ Tauschprogramms Winny, hat einen Pro­zess wegen massenhafter Urheberrechts­verletzungen vor sich. Bereits arbeitet er an einem – legalen – Nachfolgeprodukt. «Ich handelte mir Schwierigkeiten ein, weil ich einen Sportwagen kreiert habe, der überall hinbretterte und die Ge­schwindigkeitslimiten brach», sagte Ka­neko der Zeitschrift «Newsweek». Jetzt baue er ein Taxi, das den Gast behutsam herumkutschiere.

Die Dotcom-Unternehmerin Tomoko Namba schlitterte in der ersten Internet­welle nahe am Konkurs vorbei. Dena, so heisst ihr Unternehmen, ist wieder im Rennen. Unter anderem mit einem Ver­pflegungsinfoservice: Hungrige Benutzer laden sich die Karte des Quartiers auf das Handy, in dem sie sich gerade befinden, und werden dann zu Restaurants mit gu­ten Kundenbewertungen geleitet.

Gesellschaften, die Zusatzdienste für Ja­pans Mobilfunkanbieter entwickeln, sind gegenwärtig heiss begehrt. Anfang dieser Woche wurden Regelungen aufgehoben, die es den Telefonkunden erschwerten, zur Konkurrenz zu wechseln. Der Wettbe­werb intensiviert sich – die Netzbetreiber NTT DoCoMo, KDDI und Softbank Voda­fone rüsten daher kräftig auf. «Die Kotierung von Mixi beweist, dass in Japans Internetsektor immer noch et­was los ist», kommentiert der Internetspe­zialist von KBC Securities, Hiroshi Ka­mide. Viele populäre Websites brüsten sich mit rasant steigenden Besucherzah­len, verdienen allerdings kein Geld.

Anders Mixi: Die Verkuppelungsdrei Jahren schwarze Zahlen. Optimisten erkennen in Socialnetwor­king- Seiten wie Mixi grosses Potenzial: «Die Erwartungen sind riesig, dass daraus Titel vom Kaliber Yahoo oder Google ent­stehen », meint Toru Nakahashi von Credit Suisse in Tokio.

Wie in anderen Ländern kämpft der In­ternetsektor allerdings auch in Japan mit einem strukturellen Problem: Es fehlt eine stabile Ertragsstruktur. Viele Dotcom-Fir­men sind von wenigen Werbekunden ab­hängig. Steigt einer aus, gerät die Bilanz aus dem Gleichgewicht. Japans Konsum­kreditgesellschaften etwa fuhren in den letzten 12 Monaten den Werbeetat dras­tisch herunter, was manchem Onlineun­ternehmen die Rechnung versalzte.

Lehren gezogen?

Die Web-2.0-Welle rollt zu einem Zeit­punkt an, in dem in Japan Skandale der ersten Internetgeneration noch nicht ver­daut sind. In Tokio wird gerade Livedoor­ Gründer Takafumi Horie wegen Bilanz­manipulation und Täuschung der Aktio­näre der Prozess gemacht. Man habe die Lehren aus dem Skandal gezogen, beteu­ern die Dotcom-Unternehmer der zweiten Generation. Zur Erinnerung heftete die Onlinewerbeagentur Cyber Agent Warn­plakate an die Firmentoiletten: «Verges­sen wir niemals den Livedoor-Vorfall und bleiben wir ein Unternehmen von hohem moralischem Standard.»

von Marco Kauffmann, Tokio

2 Responses to Interessanter Artikel im Tagi von heute: “Japans zweite Internetwelle”

  1. MySpace greift nach Japan und legt sich mit Mixi an

    MySpace weitet sich auf Japan aus. Es ist klar, dass die „westlichen“ Social Networks auch in Asien am Markt teilhaben möchten. Japan ist sehr interessant für die US-Amerikaner. Die japanische Bevölkerung ist besonders Technik affin und die Dicht

  2. […] (2): http://mashable.com/2006/09/11/mixis-japanese-myspace-heads-for-ipo/ (3): ifyoucandreamityoucandoit.wordpress.com/ (4): http://kenjimori.com/?p=61 (Blogeintrag über eine offizielle Mixi Pressemitteilung) (5): […]

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